ZU_FLUCHTEN     Karin Hirschle         L’ART POUR LAHR


Begleitschrift zur Ausstellung      Herzlich willkommen.

 Diese Ausstellung lädt Sie ein, die feine Linie zwischen Schutz und Isolation, zwischen Aufbruch und Entwurzelung zu erkunden. In vier Räumen und einer Installation begegnen wir dem Paradoxon der Suche nach Sicherheit.


Raum 1: Das Paradoxon der Grenze

Der erste Raum widmet sich der harten Zäsur – dem Moment, in dem aus einer staatlichen Ordnung eine persönliche Existenznot wird.

ZU_FLUCHTEN: Das Titelwerk illustriert das schmerzhafte Paradoxon: Während schemenhafte Gestalten im Hintergrund Schutz suchen, bildet die scharf gezeichnete Autorität im Vordergrund jene Grenze, an der Träume zu Flüchen werden. Ein Werk über den 9. November 1989 – den Moment, in dem die Statik der Macht von der Dynamik der Freiheit überholt wurde.

Gefesselt: Wenn die Zuflucht zum Dauerzustand wird, gerät sie zum Gefängnis. Ein leerer Stuhl als Skelett einer Ruhepause, gezeichnet von provisorischen Reparaturen an einer erschöpften Realität.

dazwischen: Ein visuelles Echo der Pandemie. Die Flucht aus der Isolation hinein in eine Stadt, die durch Barrieren und Distanz gezeichnet

Knotenpunkt: Das psychologische Porträt der Entwurzelung. Nicht das „Wohin“ zählt hier, sondern dass „Was“: Die materielle Last des Notwendigsten als Denkmal dessen, was man gerade noch tragen kann.

Gespinst der Ferne: Die Zerbrechlichkeit des Friedens. Unter dem schützenden Dach eines Baumes suchen Figuren Halt, während im Hintergrund die Panzer der Geschichte bereits die Trümmerkaskaden ankündigen.

ZU_WENDUNG: Die Reduktion auf den menschlichen Kern. Eine geisterhafte Erinnerung an die Abkehr von der Flucht hin zum Gegenüber.

Beziehung: Nach dem Getöse folgt die Stille. Ein fast entmaterialisiertes Stillleben aus zwei Stühlen und einem Tisch. Ein „Nicht-Ort“ – die vage Skizze einer neuen Zuflucht, in der erst einmal nur die nackte Struktur des Daseins wartet.

 

Raum 2: Resonanzräume der Natur

Wenn gesellschaftliche Systeme versagen, wird die Natur zum letzten Asyl.

Waldstätte: Die Hütte im Wald als Urbild der Zuflucht. Inmitten des tiefblauen Nachtwaldes wird dieses menschliche Bauwerk zum Leuchtpunkt der Hoffnung und Selbstbehauptung.

Stiller Zeuge: Während Systeme fallen, bleibt der Baum als stumme Konstante. Er bietet den „archaischen Schutz“ vor Blicken und Verfolgung.

Blattzeit: Ein kraftvoller Gegenpol. Die Verfolgung des Rehs durch den Bock ist keine Flucht vor dem Tod, sondern eine Bewegung hin zum Leben – ein lebensbejahender Urinstinkt der Fortdauer.

Transitraum: Die ultimative Zuflucht ist das Haus, das man am Körper trägt. In einer Welt aus Ruinen leuchtet das goldene Schneckenhaus als Symbol für die unantastbare Würde des Individuums.

 


Raum 3: Schwellenängste

Dieser Raum thematisiert den psychologischen Zustand des Übergangs.

Die Schwelle: Ist die Grenze ein Schutzwall für das Dahinter oder ein Käfig für das Davor? Das Bild zeigt den blockierten Weg in die Freiheit, überschattet von der Gewalt der Vergangenheit.

Standpunkte (Studien): Diese Serie fokussiert auf das elementare Werkzeug jeder Flucht: den menschlichen Fuß. Nackt, verletzlich und angespannt verkörpern diese Studien die reine Menschlichkeit im Gegensatz zur Kälte der Uniformen.

 


Raum 4 & Kinderzimmer: Die verlorene Unschuld

Der Abschluss der Ausstellung führt uns dorthin, wo der Schutzraum am radikalsten bricht.

Sperrzone Kindheit: Buntes Spielzeug im Schlamm trifft auf die Starrheit eines Soldaten. Das goldene Feld der Sehnsucht bleibt durch militärische Präsenz blockiert. Ein Vakuum aus Trauma und Gewalt.

Spielabbruch: Wenn das Heim zum Ort des Grauens wird. Die blühende Tapete bricht in einen düsteren Abgrund. Ein gehängter Teddybär markiert das Ende der Geborgenheit – das Spielzeug stirbt, die Kindheit endet abrupt.

Installation: Zwischen den Welten: Das emotionale Herzstück. Lebensgroße Porträts verschmelzen mit echten Spielzeugen im Raum. Die Grenze zwischen Kunst und Realität löst sich auf. Die Bedrohung wird physisch erfahrbar, die Kinder rücken uns unmittelbar nah

Im Schaufenster:     

Das tragbare Erbe

Das Werk kontrastiert die Brutalität von Panzersperren und Stahl mit der Zerbrechlichkeit des Geistes. Während physische Barrieren den Raum zerschneiden, thront das Wissen in Form von Büchern als rettendes, aber instabiles Gut auf dem Chaos. Eine Auseinandersetzung mit der Frage: Was nehmen wir mit, wenn die Zuflucht nur ein Provisorium ist?

Die einzige Zuflucht, die bleibt, ist das, was wir in uns tragen.

 

Einladung zum Dialog

Welches Bild bietet Ihnen heute eine Zuflucht? Und wo fühlen Sie sich „dazwischen“?

Wir laden Sie ein, Ihre Gedanken im Gästebuch zu teilen.